Die "Wein-Bloggerei"

News und Diskussionen aus der Weinszene

Geschichte im Weinglas: Die Jahrhundertprobe

22.02.10 (Deutschland, Wein-Verkostung / Weinproben)

Geschichte im Weinglas: Die Jahrhundertprobe

Raritätenprobe im Kloster Eberbach:

100 Weine, der älteste von 1846, aus der Schatzkammer von Hessens Staatsweingütern.

Mit der einmaligen Probe will das größte Weingut
Deutschlands zeigen, dass es zu den besten gehört.
«Steinberger», Jahrgang 1846, Flasche Nr. 3 aus dem Cabinet-Keller.
Vorsichtig zieht Dieter Greiner, Chef der Hessischen Staatsweingüter, den
Korken. Er gießt einen Schluck ins Glas, schmeckt und strahlt: «Betörende
Frische, trockene Früchte, Harmonie! – Geschichte!»
Der 164 Jahre alte Wein ist der Höhepunkt einer einmaligen Raritätenprobe
im Kloster Eberbach in dieser Woche, mit Riesling- Weinen aus drei
Jahrhunderten. «Wein-Archäologie» nennt es Greiner: «Wir zeigen das
Fundament der deutschen Weinkultur.» Vom jungen 2009er «Steinberger»
aus dem Fass reicht die Spanne über mehr als 100 Jahre alte trockene
Rieslinge zu sirupartigen Trockenbeerenauslesen und süßen Eisweinen.
Am Ende stehen über 500 Gläser vor der Riege der 20 Tester. Es entfaltet sich die Vielfalt der
Riesling-Farben und -Aromen: Vom hellen Blassgelb bis zu Bernstein reicht die Skala, von der
frischen Zitronennote bis zum Nektar wie aus gekochten Früchten mit Lakritze- und Petrol-Duft.
Staunend und begeistert schnuppern und schlürfen 20 Weinliebhaber und -Experten im Refektorium
des ehemaligen Zisterzienserklosters. Um den langen Tisch sitzen professionelle Tester wie die
Engländerin Jancis Robinson, Rheingau-Spitzenwinzer Wilhelm Weil oder Sterne-Koch Michael
Hoffmann aus Berlin.
Die alten Raritäten sind sonst tief im Keller
verborgen. Wenige kommen in Eltville und
anderswo bei Auktionen auf den Markt, einzeln,
für mehrere Hundert oder Tausende Euro pro
Flasche.
Das größte deutsche Weingut soll zu den besten gehören
Und dass sie hier nicht ohne Eigennutz ausgeschenkt werden, macht abends beim Galadiner
Hessens Ministerpräsident Roland Koch klar, Aufsichtsratsvorsitzender der Staatsweingüter.
«Wir haben den Anspruch, dass das größte deutsche Weingut auch zu den besten gehört», sagt
Koch. «Daran müssen wir täglich arbeiten», lautet seine Mahnung an Geschäftsführer Greiner. Und
das ohne staatliche Gelder. Greiner ist zuversichtlich. Nach langem Kampf steht ihm jetzt die größte
deutsche Kellerei mit modernster Technik zur Verfügung.
1846! Das war zwei Jahre vor der deutschen Revolution und der ersten Sitzung der Deutschen
Nationalversammlung in der Paulskirche in Frankfurt. Nur noch zwei weitere Flaschen des
Jahrganges hat das Gut im Keller und je drei von 1806 und von 1706.
In ihrem Reichtum alter Weine ist die Schatzkammer weltweit einzigartig. «Das ist ein Stück
Kulturgeschichte, eine Bibliothek des Weines», sagt Koch, «die wir nun einen Spalt breit öffnen.»
Die Frische der über 100jährigen Weine hält erstaunlich lange an. «Große Harmonie, sehr
delikat», notiert Jancis Robinson. Sie gibt dem 1898er «Kiedricher Gräfenberg» 19,5 von 20 Punkten.
Je zwei Tester teilen sich ein Glas mit vier kleinen Schluck Wein. Es wird blind gekostet, Name und
Jahrgang werden erst später verraten.
«Trinken Sie Nr. 68 nicht aus, der entwickelt sich sechs Stunden lang im Glas», rät Greiner. Es
geht um den 1899er, einen goldgelben «Hochheimer kleines Rauchloch». Eine «Weltsensation» nennt
es der Organisator der Probe, der Herausgeber des Weinmagazins «Fine», Ralf Frenzel, «dass wir
hier trockene Weine von dieser Qualität präsentieren können.»
Langer Beifall belohnt den 1846er, der nach einer Stunde etwas rauchig riecht, aber nichts von seiner
Kraft verliert. In der Flasche klingelt es leise. Beim Neuverkorken vor einigen Jahren wurden
Glaskugeln eingefüllt, um den verdunsteten Wein zu ersetzen.
Vor der Parade der edelsüßen Trockenbeerenauslesen des Staatsgutes verneigt sich auch Wilhelm
Weil, Deutschlands wohl bester Süßweinproduzent. Beim Abendessen konnte er gleich acht 2005er
Trockenbeerenauslesen kosten, die Farbtöne in Gold und Honig. Die Restsüße dieser Weine liegt
bei über 300 Gramm Zucker pro Liter. Greiner forscht bei Wikipedia: «Dreimal mehr als Coca-Cola.»
Am nächsten Tag schillern bei der Verkostung noch ältere Süßweine von 1969 bis 1920 im Glas.
Farbtöne Messing, Kupfer, Bronze bis zu dunklem Karamell, in das süße Aroma mischt sich
Schokolade-Duft. «Allein diese Serie aus acht Flaschen ist auf der Auktion 40.000 Euro wert», sagt
Greiner.
Die Gewinner des Klimawandels
Die Rheingau-Winzer sind zuversichtlich, dass auch in 100 Jahren noch deutscher Riesling gefeiert
werden kann. Die Sorge, dass der Klimawandel dem deutschen Weißwein den Garaus machen
könne, hält man gerade im nördlichen Rheingau für abwegig.
Mehr Wärme und Sonne ist in den Steillagen sogar nützlich. Wird es zu heiß, kann man die Reife des
Weines etwas herauszögern, sagt Greiner. Winzer Weil stimmt zu: «Wir sind die Gewinner der
globalen Erwärmung.»

Quellenhinweis:

Weingut-Kloster-Eberbach

Kommentar schreiben

XHTML: Sie können diese Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

 
Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de Weinversand Wein-Geschenke